Pfadfinder in Deutschland seit dem 2. Weltkrieg bis heute
1. 1945 - 1950: Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg (BDP):
Gleich nach Beendigung des Krieges begannen sich wieder Gruppen zu treffen um nach den Gesetzen der Pfadfinder zu leben. Wie lange der Aufbau einer solchen Gruppe dauerte hing von der jeweiligen Besatzungsmacht ab. Die Westmächte ließen bereits 1945 wieder lizenzierte Pfadfindergruppen zu, in der russischen Zone wurden Pfadfinder nicht geduldet. Die Engländer waren an einem gemeinsamen Pfadfinderbund für ganz Deutschland interessiert, wie auch Dr. Alexander Lion, der Lizensträger für einen Bund Deutscher Pfadfinder war.
Seit 1947 kann man von einem planmäßigen, regional verstreuten Wiederbeginn einer deutschen Pfadfinderei sprechen. Auf zwei Konferenzen im Mai und im Dezember 1948 wurde die Gründung des Bundes Deutscher Pfadfinder (BDP) von Vertretern der interkonfessionellen Verbande beschlossen.
Am 1. 10. 1949 gründeten
der Bund Deutscher Pfadfinder (BDP)
die Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) und
die Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD)
den Ring deutscher Pfadfinderbünde (RdP). Bereits 1950, fünf Jahre nach dem Kriegsende, wurde dieser Mitglied in der Weltkonferenz.
a) Die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg
1945-1950: Die Jugend, die seit 1942143 das Ende des Krieges und die Jahre von 45-50 erlitt, war anders als die Heutige. Mit der neuen Freiheit entstanden sofort wieder neue Stämme, die sich direkt auch zur Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg zusammenfanden. Die DPSG steht mit ihren Stimmen als Gliederung im Bund der Deutschen Katholischen Jugend.
Der Bund konnte schon 1946 als Zusammenschluss örtlicher erstandener Gruppen seine wieder Arbeit aufnehmen. Sie nannten sich zuerst Gemeinschaft St.Georg und ab Mai 1948 wieder Deutsche Pfadfinderschaft St.Georg. Er bereitete sich in den Westdeutschen Diözesen rasch wieder aus und fanden bei der Jugend begeisterte Aufnahme. Er wuchs 1947148 auf ober 20 000 Pfadfinder an. Auch die internationalen Beziehungen lebten ab 1949 von neuem auf.
1950-1960: Die Träger der Kreuzlilie begannen sich schon in den späteren 50er Jahren in der Hilfsbereitschaft für körperbehinderte Kinder besonders auszuprägen. Die sozialen und humanitären Akzente haben sich seither verstärkt und vervielfacht und wurden, wie im übrigen Pfadfindertum auch, geradezu Prioritäten des pfadfinderischen Aktivismus, der die Zonen weltfremder Romantik vermeiden und den Weg , mitten hinein in diese Welt gehen möchte.
1950 wuchs die Pfadfinderschaft St. Georg bis auf 66 000 Mitglieder an und nahmen bislang regelmäßig an Jamborees teil.
Der in der Frühzeit des deutschen Pfadfindertums zuletzt und nur zögernd gegründete katholische Verband hat also in der Nachkriegsentwicklung die anderen Pfadfinderbünde in Deutschland an Mitgliederzahl weit überrundet und stellt auch in Hinsicht seiner Organisation und seiner zielbewussten Aktivitäten mit an vorderster Stelle. Er hat aber auch die scoutistischen Modelle anscheinend besonders wenig angetastet und sich von früheren jugendbewegten Entwicklungen ganz, und von bündischen Einflüssen weithin freigehalten.
1960-1970: Die Konflikte mit der Politischen Jugendbewegung, ihrer Zusammenstöße mit den traditionellen Wesenszügen des Pfadfindertums haben auch die Georgs Pfadfinderschaft in Mitleidenschaft gezogen, was sich in Satzungsänderungen und in manchen Stagnationserscheinungen zwischen 1966 bis 1970 ausdrückte.
Seit 1970: Ab 1971 dürfen auch Mädchen Mitglieder werden. Seit 1971 nimmt der Verband wieder zu, jährlich um mehrere tausend Jungen und Mädchen. Ab 1974 gab es politische und inhaltliche Auseinandersetzungen in der DPSG und im VCP Sie führten zum Ausstieg einzelner Gruppen. Deshalb entstand aus der DPSG die Katholische Pfadfinderschaft Europas (KPE).
b) Die Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands
1945-1950: Gleich nach Kriegsende begannen einzelne Ältere die Bruderschaft in den Städten wieder zu sammeln und neue Sippen und Stämme aufzubauen. Die Arbeit konnte vorerst nur zonenweise geführt werden, da eine Gesamtorganisation von den Besatzungsbehörden noch verboten war. In der amerikanischen Zone durfte sich der Bund bald Christliche Pfadfinderschaft nennen.
1947 entstand bereits eine Jugendkammer der Evang. Kirche Deutschlands und die wieder entstandene CP hatte Sitz und Stimme darin bekommen.
Auch zu einer Arbeitsgemeinschaft mit dem ebenfalls neu gegründeten katholischen Verband, der DPSG kam es bereits 1947, so dass sich bald eine erstarkte Front der beiden konfessionellen Pfadfinderverbände bildete, die schon ab 1948 eine wichtige Rolle in der neuen pfadfinderrischen Entwicklung übernahm und 1949 in die Gründung des Rings der Deutschen Pfadfinderbünde mit seiner baldigen Zugehörigkeit zum Deutschen Bundesjugendring 1949 einerseits, zur Internationalen Scout-Konferenz 1950 anderseits einmündete.
1950-1960: Die internationalen Verbindungen verstärkten sich, wie bei den anderen Bünden, durch die Teilnahme von CP Gruppen an den Jamborees. Das innere Leben des Verbandes festigte sich auf Bundeslagern und -thingen.
Sehr bald zeigten sich die sozialen Akzente, die das Leben in der früh-bündischen CP ausgezeichnet hatten und sich im Laufe der Jahre verstärkten.
Früh klärte sich auch das Verhältnis der CP zu ihrer Geschichte vor 1933 ab, die im Zusammenhang mit der geistigen Situation der Jugend und des Deutschen Volkes gesehen wurde.
Die beiden Positionen - die Zugehörigkeit zur Jugendkammer der evangelischen Kirche in Deutschland mit ihren übernationalen Verbindungen und die Eingliederung in die Kameradschaft des weltweiten Pfadfindertums über den Ring Deutscher Pfadfinderbünde wurden in produktiver Spannung gehalten.
Wacher und bewußter wurde von Jahr zu Jahr die Überzeugung, dass Pfadfindertum eine Lebensform für alle Altersstufen des Menschen sei, nicht nur für die Jugend. Dazu kam die Auffassung, dass auf eine Führung im Jugendraum und in der Älternschaft nicht verzichtet werden kann.
Schon bevor diese politische Jugendbewegungen einsetzten, war es seit den 50er Jahren zu sektenhaften Sonderformen universalistischer Jugendbewegungen gekommen. Innerhalb ihres sehr breiten Spektrums gab es auch stark religiöse und christliche Orientierungen; sie scheinen die konfessionelle Pfadfinderei kaum berührt zu haben, auch wenn sie - etwa in den Jesus-People-Kreisen - bis heute anhalten.
1960-70: Die ruhige, mehr oder weniger in traditionellen Bahnen verlaufende Entwicklung brach auch für die beiden Bünde ab, als Mitte der 60er die junge Generation ringsum kritisch wurde und ihre Unzufriedenheit in Aktionen umsetzte.
Wohl aber vermochte der Aufbruch der radikal-kritischen Sozialbewegung die Jugend nicht nur in den neutralen Verbänden das traditionelle Grundgerüst der Baden-Powell´schen Pfadfinderei zu erschüttern oder mindestens in die schon erwähnte fundamentalen Anzweiflungen zu stürzen, sondern auch seine Formenwelt in den zwei konfessionellen Bünden.
Die Christliche Pfadfinderschaft wurde offenbar davon noch stärker betroffen als die Georgs-Pfadfinder. Rückschläge und Stagnationen in der Entwicklung der Mitgliederzahlen waren eine begreifliche Folge dieser Abkehr von jener Art organisierter Jugendbetreuung.
Der Protest griff natürlich auch grade auf die spezifischen Formen evangelischer Glaubenshaltungen und kirchlicher Bindungen über und problematisierte sie und ihre Bräuche. Von beiden Seiten aus, sowohl von der Verketzerung des scoutistischen Systems wie von der neu erwachten religiös-kirchlichen Skepsis, drohten der Christlichen Pfadfinderschaft Existenzkrisen.
Seit 1970: In der intensiven Pflege der internationalen scoutistischen Beziehungen setzte die CP die bisherige Linie fort und konnte sie ausbauen, so dass gerade diese Engagements mit ihren vielen praktischen Auswirkungen vor Preisgabe der pfadfinderischen Grundposition ebenso geschützt werden konnten wie die übernationalen Kontakte auf kirchlich-evangelischen Ebenen.
1972 kam ein Zusammenschluss der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD), der Evangelischen Mädchen Pfadfinderschaft (EMP) und des Bundes Christlicher Pfadfinderinnen (BCP) zu einem gemeinsamen Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder.
Der Fortbestand einer der ältesten Pfadfinderorganisationen in Deutschland ist also auf dem Weg innerer Erneuerungen gesichert worden. Ansehen und Geltung im In- und Ausland haben eher zu als abgenommen.
2. 1950-1960: Die 1. Abspaltungswelle beginnt:
Mitte der fünfziger Jahre begann die erste große Austrittswelle aus dem BDP. Die Landes- und Bundesführung war daran interessiert einen Bund für ganz Deutschland zu schaffen. Mit zentralistischen Methoden versuchten sie die Gruppen in einem Bund zu vereinen. Die Gruppen wiesen allerdings zu starke Eigenstrukturen auf. Darauf spalteten sich einzelne Landesmarken ab und bildeten eigenständige kleine Bünde:
die Freie Pfadfinderschaft in Schleswig-Holstein (1955),
die Pfadfinderschaft Grauer Reiter in Schwaben(1956),
der Pfadfinderbund Großer Jäger in Nordhessen(1958),
der Pfadfinderbund Nordbaden (1960).
Der Versuch die verschiedenen Richtungen im Bund zu vereinen scheiterte durch den Austritt dieser Gruppen. Auch der Bundesführer Kajus Roller, der seit der Gründung des Bundes im Amt war trat daraufhin zurück.
3. 1960 - 1970: Der Politische Einfluß der 60er Jahre:
Als Mitte der sechziger Jahre die außerparlamentarische Opposition der Jugend, studentische Unruhen und Generationskonflikte offenlegte sind auch die Schulen, das Lehrlingswesen und Jugendverbände von der Politisierung und Radikalisierung zur linken Front betroffen, die bis heute noch anhält. Auch die Pfadfinder blieben nicht verschont, sie reagierten mit heftigen Auseinandersetzungen, Spaltungen und bald auch mit Mitgliedsschwund. Der BDP war mehr davon betroffen als die konfessionellen Bünde. Er warf auf dem Weg zur Politisierung traditionelle Bräuche über Bord und zerstörte auch den Zusammenhalt der inter-konfessionellen Bünde. Auf einem Berliner Seminar stellten 600 Gruppenleiter aus dem BDP das traditionelle pfadfinderische Programm in Frage. Die pfadfinderischen Methoden und Aktivitäten passten nicht mehr in die Vorstellung von Pfadfindern wie der BDP sie hatte.
Den Linken gelang es wichtige Positionen im 30 000 mitgliedsstarken BDP einzunehmen. Die Bundesführung begann politische Ziele zu vertreten und gab dadurch ihre neutrale Stellung auf. Die Bundesführung lehnte das System Baden-Powells sowie wesentliche Grund- und Zielvorstellungen des Pfadfindertums ab. Sie lehnten auch Gesetz und Versprechen ab und bestritten deren Wert. Weiterhin distanzierten sie sich von Symbol (Lilie) und Kluft. Sie gaben die geschlossene Sippe auf und bildeten unverbindliche Jugendgruppen (Club), außerdem wurden die Pfadfinder zum Ungehorsam gegen Schule und Elternhaus aufgerufen.
Es bildete sich eine Opposition, die im Juli 1968 einen Mißtrauensantrag gegen die Bundesführung stellte, die jedoch keine Mehrheit fand.
Anfang 1970 formierte sich dann die oppositionelle Mehrheit. Sie beschlossen, nachdem sich die oppositionellen Landesverbände vergrößert hatten, die Bundesführung abzulösen und für den Fall des Mißlingens einen neuen Bund zu gründen. Auf einer außerordentlichen Bundesversammlung des BDP im Februar 1970, konnten die Opositionellen für die Ablösung der Bundesführung keine Mehrheit erreichen. Die Bundesführung blieb im Amt, die Spaltung war nun unvermeidlich.
4. 1970 - 1980: Klärung der Situation
Die Abspaltungen gingen weiter. Auf der Bundesversammlung des BDP Anfang Mai 1970 erklärte die Landesmarken Hamburg und Nordbaden, nachdem breites Teile der Landesmark Franken ausgetreten waren, geschlossen ihren Austritt.
Nachdem die zweite Austrittswelle eingesetzt hatte und auch Teile der Landesverbände Niedersachsen, Rheinland und Westfalen ausgetreten waren, gründeten diese den Verband Deutsche Pfadfinder e.V. für alle aus dem BDP ausgetretenen Gruppen.
Das Weltbüro der Pfadfinder schaltete sich ein und drohte mit der Suspendierung des Ring Deutscher Pfadfinderbünde aus dem Weltbund. Die konfessionellen Bünde im Ring beschlossen sich vom BDP zu trennen, da die Weltkonferenz kurz bevor stand und sie um ihre Teilnahme bangten.
Es bildete sich erneut eine Oppsoition im BDP, bestehend aus den Landesverbänden Bayern, Hessen, Schleswig-Holstein und Westfalen, die wieder eine neue Bundesführung wollten. Auch dieser Versuch scheiterte. So gründeten sie im März 1971 einen neuen Bund, der Bund der Pfadfinder (BdP).
5. Die Bildung eines neuen Ringes
Zum ersten mal in der Nachkriegszeit trafen sich alle nennenswerten deutsche Bünde wegen der Neuformierung des RDP. Viele versprachen sich viel von dem Treffen, sie sahen endlich eine Chance für den Beginn eines Gesamt Deutschen Pfadfinder Rings. Die konfessionellen Bünde DPSG/CPD machten alle Hoffnung zu Nichte, da sie nicht mit einem Dachverband, sondern nur mit einem Einzelbund einen neuen Ring gründen wollten.
So wurde anstelle des BDP der BdP Mitglied im neuen Ring Deutscher Pfadfinderverbände (RdP). Ab 1973 wurde der RdP als Mitglied der Weltkonferenz anerkannt. Der BDP wurde nicht mehr in den neuen Ring aufgenommen. Er gründete mit einem anderen Bund den Bund Demokratische Jugend (BDJ).
1972 schloß sich der DP e.V. mit dem Deutschen Pfadfinder Bund zusammen und nennen sich von da an Deutscher Pfadfinderverband e.V. (DPV), indem seit 1984 auch der PB Horizonte (ehemals Südlegion) Mitglied ist. 1977 schloß sich schließlich der DPV, die CPD und die KPE zum Deutschen Pfadfinder Ring (DPR) zusammen. Im Laufe der 80er Jahre schlossen sich immer mehr Bünde dem DPV an. 1985 stellte dieser einen Aufnahmeantrag an den RdP, der jedoch abgelehnt wurde. Darauf hin entwickelten sich Gespräche mit dem BdP, die im Laufe der Zeit aber eingestellt wurden.
Seit 1977 ist die Lage der Pfadfinderschaft in Deutschland weitgehend geklärt. Heute gibt es in Deutschland zwei männliche und einen Weiblichen Pfadfinder Ring, für die Männer den anerkannten RdP, bestehen aus BdP, DPSG und VCP, und den DPR, bestehend aus DPV, CPD und KPE; für die Frauen den RdP.
Morla und Trick